Erhalt der Backsteinquartiere – Hamburgs Bemühungen

Was ist zum Schutz der Backstein-Architektur in Hamburg in den letzten Jahren geschehen?

Es hat sich in den letzten Jahren viel getan, wenn auch wir meinen, dass der Schutz des Backsteinerbes zumeist noch in der Theorie vorbereitet wird, während vor Ort an vielen Stellen Hamburgs Abriss Fakten schafft.
Beschreibung der Problematik*:
Der Backstein ist das charakteristische Fassadenmaterial des Hamburger Stadtbilds. Es ist neben den gründerzeitlichen Stuckfassaden des „weißen Hamburgs“ für das „rote Hamburg“ identitätsgebend, und in den letzten 100 Jahren architektonisches Leitbild. Der Charakter des Stadtbilds veränderte sich in den letzten Jahren aufgrund den Anforderungen des Klimaschutzes massiv. Gebäude und teils ganze Straßenzüge verschwinden unter Fassadendämmungen, deren Qualtität oftmals nicht den originalen Fassaden entspricht. Lebendige Klinkerfassade verschwindet unter Putz oder Riemchen und geht damit für das Stadtbild unwiederbringlich verloren. Beispielsweise dadurch, dass bei mit versetzten Steinen gestaltete Fassaden genau diese abgeschlagen werden, um die Dämmung aufbringen zu können und die Dämmstoffe mit der alten Fassade fest verklebt wird.
Ursachen der Entwicklung sind u.a. die fehlende Kenntnis von Alternativen (Dach- und Kellerdeckendämmungen, Energieeffizienz und Haustechnik usw). Es fehlt bei dem Umgang mit historischer Architektur die Sensibiliät, bei Reparatur wie Sanierungen. Bezüglich der Frage nach der Möglichkeit schutzwürdige historische Gebäude energetisch zu opitmieren, sollte sich die Sanierung an der Entstehungszeit der Gebäude orientieren. Hier fehlt es häufig an Kenntnis der Historie und Baugestaltung der Häuser, hinzukommen bei Umsetzung vor Ort oftmals Probleme des Alltagsgeschäfts, wie Zeitdruck und andere Gründe, die nicht zu einer hochwertigen Sanierung führen.

*Sinngemäß nach der Handlungsempfehlung zur Backsteinstadt Hamburg. BSU Feb. 2011
Erarbeitung des Arbeitskreises mit Vertretern der Fritz-Schumacher-Gesellschaft, Wohnungsbaugesellschaften etc
Was geschah daraufhin? – Ein Versuch einer Chronologie

Um den Verlust der für Hamburg so typischen roten Fassaden zu stoppen, setzen sich seit einigen Jahren u.a. die Fritz-Schumacher-Gesellschaft unter Prof. Burkhardt sowie verschiedenste Architekten und Institutionen ein.

2007

Die Fritz-Schumacher-Gesellschaft unter der Führung ihres Vorsitzenden Prof. Hans-Günther Burkhardt veranstaltet ein Kolloquium, um den schleichenden Wandel des Stadtbildes zu verhindern und Alternativen für den Erhalt der Backsteinfassaden zu diskutieren.
In Folge setzen sich verschiedene Hamburger Institutionen für die gleiche Zeilsetzung ein.

 
2008

Vertreter der Freien Akademie der Künste, der Patriotischen Gesellschaft, des Verein Freunde der Denkmalpflege, Hamburger Ingenieurkammer-Bau, Hafencity Univerität, Deutsche Akademie für Städtebau und Landschaftsplanung, Architekten, Architekturhistoriker, Denkmalschutzamt fordern u.a.

  • Die Sicherung von für die Stadt herausragenden Gebäude (einzelne, Straßenzüge, Quartiere) über die unter Schutzgestellten Kulturdenkmale hinaus, zur Gebietsabgrenzung kann die Milieuuntersuchung zum Sprossenfensterprogramm dienen.
  • Zusammenfassung der Praxiserfahrung in einem hamburgspeziellem Handbuch
  • Verpflichtende Bestandsanalyse vor jedem Bauvorhaben bzgl. Verträglichkeit zu den baukulturellen Zielen
  • Weitgehender Verzicht auf Wärmedämmmaßnahmen bei den städtebaulich wirksamen Klinkerfassaden der 1920/30er Jahre, stattdessen Einsatz hochwertiger Haustechnik

Ergänzend: Schaffung der Stelle eines Backsteinbeautragten; U.a. Schaffung eines Kartenwerks, in dem die wesentlichen gestaltwirksamen Gebiete und Gebäude dargestellt werden. Mit dem Kriterium der Gestaltqualität und Ensemblewirkung des Backsteinbaus als zentrales, baukulturell bedeutsamste Element.

(vom Juni 2008, S. Fritz-Schumacher-Gesellschaft)
08.09.08
Die Hamburger Bürgerschaft forderte die Verwaltung mit der Drs. 19/929 auf, sich mit dem Problem der zunehmenden Veränderungen des Stadtbilds durch großfläche Fassadendämmungen und Sanierungsmaßnahmen zu beschäftigen. Es soll eine Lösung für den Zielkonflikt zwischen Bewahrung des Stadtbilds und der Steigerung der Energieeffizienz entwickelt werden.
Dieser Antrag wird auch von dem CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Jörg Hamann unterschrieben, der seit 2011 als Anwalt der vhw das Abrissvorhaben Elisas befördert.

 

2009

Es findet ein Runder Tisch unter Leitung des Oberbaudirektors statt, mit den handelnden Institutionen und Verbänden (freie, genossenschafliche und städtische Wohnungsbauunternehmen, Fritz-Schumacher-Gesellschaft, Gutstav-Oelsner Gesellschaft, Freie Architektenschaft), Vertreter des Denkmalschutzes und der Verwaltung.
Ergebnis: „Handlungsleitfaden“

 
2010

„Der Ziegel ist das rote Gold des Bauens. Die von Fritz Schumacher erbauten Stadtteile sind für mich mindestens so wertvoll wie die weißen Quartiere von Berlin“, zitierte das Hamburger Abendblatt den Architekten Bernhard Winking im Zusammenhang mit der Veranstaltung „Stadtdialog“ im November 2010, wo die ersten Weichen zum Erhalt des Stadtbildes gestellt wurden.

 
2011

Die Pressestelle der Stadt HH verkündigt in einem Artikel vom 20.09.2011, 12:51 Uhr:
Das Bündis für das Wohnen in Hamburg: Senat und Wohnungswirtschaft unterzeichnen Vereinbarung für mehr Wohnungsbau. Und zum Städtebau / Erhalt der Backsteinfassaden:
„Der Erhalt der charakteristischen Backsteinfassaden Hamburgs ist gemeinsames Ziel der Bündnispartner. Die Wohnungsverbände, deren Unternehmen viele dieser stadtbildprägenden Backsteinbauten in ihren Beständen halten, bekennen sich zu ihrem Erhalt. Mögliche Maßnahmen zum Erhalt bei energetischen Sanierungen sollen immer auch sozial verträglich, städtebaulich angemessen und wirtschaftlich darstellbar sein.“

Zur selben Zeit begann auch unserer Kampf um den Erhalt von Elisa. Insofern zeigt das Bündnis für das Wohnen in Hamburg Schwächen, da diese Vereinbarungen lediglich freiwillige Selbstverpflichtungen sind. Auch unsere Genossenschaft, die vhw, gehört zu dem Bündnis für das Wohnen…

Herausgabe der „Handlungsempfehlung zur Backsteinstadt Hamburg“. BSU Feb. 2011
Zahlreiche Veranstaltungen und Fachkongresse finden pro Jahr zum Thema Backstein statt. So bespielsweise die Vortragsreihe des Backsteinforums (Veranstalter Firma Zebau u.a.).

 
2012

Seit 2012 hat Hamburg die Stelle eines sog. Backsteinberater eingerichtet. Dies ist als Erfolg der engagierten Fachleute und -gremien zu sehen. Wie in den „besten Backsteinjahren“ unter Fritz Schumacher, soll das Fachwissen über Backstein, seine Verarbeitungsmöglichkeiten und Sanierung wieder gebündelt sein. Häufig wurde in Fachkreisen bedauert, dass das alte Wissen um den Backstein kein Allgemeingut von ausführenden Architekten bzw. Bauherren ist.
Der Backsteinbeauftragte berät und begleitet Eigentümer bzgl. der Sanierung und Dämmung ihres Backsteinhauses. Auch dieses Angebot beruht jedoch auf Freiwilligkeit des Eigentümers. ****Dazu:

5.7.12 Interview Prof. Schubert (Fritz-Schumacher-Gesellschaft) im Hamburger Abendblatt
Ankündigung der Stelle des Backsteinbetreuers zum Erhalt von Backsteinfassaden bei energetischer Dämmung. Kritikpunkt: Die Einbeziehung des Backsteinbeauftragten ist freiwillig. Forderung nach Programmen für den Erhalt der Backsteinkultur. Erwähnung der Wohnviertel aus den 20er und 30er Jahren bzgl. ihrer hohen Wohnqualität, aufgrund damaligen kleinteiligen Bauens. Sowie Wertschätzung der Altbauviertel der Hamburger Bürger und Kreativen.

8.8.12 Veranstaltung zur Qualitätssicherung für Backsteinfassaden

29.8.12 Fachforum „Stadtbild&Modernisierung“ in Hamburg

 
2013

Veranstaltungsreihe Backsteinforum 2013
Unter dem Titel Perspektiven fu¨r das „Rote Hamburg“ zwischen Erhalt, Sanierung und Neubau lädt das Zentrum fu¨r Energie, Bauen, Architektur und Umwelt (zebau.de) zur Veranstaltungsreihe „Backsteinforum“ ein.
Der Vorsitzende der Fritz-Schumacher-Gesellschaft Prof. Dr. Dirk Schubert spricht im Rahmen der Reihe am 20. August 2013, 18.30 Uhr über das Wirken Fritz Schumachers.
Ringvorlesung 2013: Fritz Schumacher und Hamburg
Backsteinstadt, Reformkulturen und Umgang mit dem Erbe
In der HafenCity Universität Hamburg (HCU).
Veranstalter: HafenCity Universität Prof. Dr. Celina Kress und Prof. Dr. Dirk Schubert (Fritz Schumacher-Gesellschaft)
EU-Projekt „Co2ol Bricks“ zur Untersuchung der verschiedenen Formen der energetischen Sanierung, Ergebnispräsentation des dreijährigen EU-Projektes:
Die Experten belegen den geringen Nutzen von Fassadendämmung, die zu einer max. 25% Energieeinsparung führt, während neue Fenster, isolierte Dächer oder neue Heizungen bis zu 70% bringen.
= Kehrtwende in der energetischen Sanierung in Hamburg?
In einem Zeitungsartikel (Bergerdorfer Zeitung 05.12.13, „Hoffnung für Hamburgs Backstein-Erbe“) spricht die Kulturbehörde von einem langen Weg der Fassaden-Rettung.
Die Handwerkskammer bietet als Pilotprojekt Architeken und Bauingenieuren eine Weiterbildung zum Backsteinberater und zum Backstein-Qualitätssicherer an.

Wir schließen uns der Formulierung eines Journalisten an: EU-Projekt: Experten belegen geringen Nutzen von Fassadendämmung – Freude bei Denkmalschützern. (***)

 
2014

Die SPD wie auch die CDU bringen im April Anträge in die Bürgerschaft ein, das baukulturelle Backstein-Erbe Hamburgs zu schützen.
(CDU: In Sorge um Hamburg: Hamburgs Backsteinerbe bewahren -Vorbild Hamburg. 9.4.2014-11458, unterzeichnet von Jörg Hamann, welcher als vhw-Anwalt den Abriss von „Elisa“ vorantreibt)
(SPD: Hamburgs Backsteinerbe bewahren!; 9.4.14-4211146)

Unser Fazit:

Noch sind die Backsteinbauten gefährdet.

Noch immer setzt sich der „Dämmwahn“ mit den Verbundsystemen fort. Obwohl bereits seit einiger Zeit der Hipe um die energet. Dämmung fachlich sozusagen ad adsurdum geführt ist. Aufgrund von ungeklärter Entsorgung in ca. 30 Jahren, dem notwendigen Einsatz von Giften um Veralgungen zu verhindern, mitsamt den Gefahren für Bewohner und Umwelt, die Feuchteproblematik in den gedämmten Hauser, der letztlich viel zu geringen Einsparung von Energie verglichen zum Aufwand als auch der zumeist negativen Beeinträchtigung des Stadtbildes, wird die energetische Dämmung mit Dämmverbundsystemen von vielen Fachleuten nicht mehr empfohlen.
Die Diskussion um alternative Materialien, Unzulänglichkeiten aufgrund unsachgemäßer Ausführungen e.t.c ist ebenfalls vielfältig und möchten wir hier nur erwähnen.

Nach unserer Erfahrung der letzten 3 Jahre wächst unsere Besorgnis um Hamburgs Backstein-Erbe. In vielen Stadtteilen verschwinden teils unbemerkt, teils gegen großen Widerstand immer mehr Originalbauten und Siedlungen. Auch denkmalgeschütze Gebäude fallen anscheinend diskussionslos der renditeoptimierten Verdichtung durch Neubauten zum Opfer.

Nicht ohne Grund sprießen Mieterinitiativen wie Pilze aus dem Boden. (s. unser Patenschaftsprojekt mit den andern Hamburger Inis). Die Mieterinitiativen haben aus den zumeist enttäuschenden Reaktion unserer Regierung oder Verwaltung gelernt, und vernetzen sich. So ist das beispielsweise Nordnetz aktuell recht erfolgreich (www.nordnetz-hamburg.de)
In unserem Fall schöpfte die regierende SPD bislang ihre politischen Mittel für einer Rettung Elisas nicht aus. Die Gründe können wir nicht nachvollziehen. Wir befürchten, die politischen Maßnahmen zum Erhalt der Backsteinbauten könnten zu spät kommen.

Wenn „Elisa“ abgerissen wird, kann Abriss Schule machen. Möglicherweise werden dann Backsteinbauten, insbesondere die der 20er/30er Jahre, außerhalb der „Backstein-Schutzgebiete“ Barmbek und Jarrestadt kaum noch vorhanden sein.

Wir wünschten uns:

  • Stärkung des Denkmalschutzes, der z.B. im Hamburger Osten ohnehin unterrepräsentiert ist. Viele erhaltenswerte Originalbauten sind nicht denkmalgeschützt.
  • Stärkung der Rolle des Denkmalschutzamts.
  • Eine städtebauliche Gesamtplanung in Hamburg, bei der Backsteincharakter verbindlich erhalten bleibt, mit Leitlinien für Neubauten nach Milieu und Quartier.
  • Förderung von Sanierungen ebenso wie die von Neubauten, denn momentan ist letztere ca. 6-7fach höher, was die Abrissproblematik übermaßen befeuert.

Hamburg muss dem Betongold-Boom etwas entgegensetzten, was u.E. bislang nicht ausreichend stattfand, wie der Verlust von vielen Backtein- wie Gründerzeit-Häusern in den letzten Jahren zeigt.